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Reisen 1

XV  Wenn einer eine Reise tut ...

... dann kann er viel erzählen. Aber sind wir nicht alle reiselustig? Oder gibt es auch chronische Stubenhocker? Das Tierreich kennt zwei Kategorien: die reviergebundenen Nilpferde, Löwen und Krokodile und die wandernden Zebras, Antilopen und Elefanten. Für mich gab es schon als Kind und Jugendlicher Kurzreisen innerhalb Süddeutschlands. Im Sommer haben wir regelmäßig unsere Verwandten in Oberfranken besucht. Ab wann und wie oft ich dabei war, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich bin gerne mit dem Zug über Uffenheim nach Unterickelsheim gefahren. Zwar hatte ich stets große Probleme mit dem fränkischen Dialekt, den ich von meinem aus Franken stammenden Vater nicht kannte, aber auf der anderen Seite konnte man viele ungewohnte Erfahrungen sammeln. So war ich dabei, als in aller Herrgottsfrühe für das gesamte Dorf die Milch in großen Metallkannen ausgefahren wurde. Auch durfte ich hoch zu Ross - sprich: Ackergaul - mit aufs Feld, wo ich allerdings nichts zu tun hatte. Den bäuerlichen Stubengeruch habe ich heute noch in der Nase: miefig-muffig und äußerst gewöhnungsbedürftig. Wenn mich meine Großmutter gefragt hat: “Mogst a weng Gald”, musste mir meine Mutter, die merkwürdigerweise als Pfälzerin jedes Wort verstanden hat, erst übersetzen: “Deine Oma möchte dir für die Tanzveranstaltung ein paar Mark mitgeben.” Noch unverständlicher war für mich die Angewohnheit, zum Frühstück auf das Leberwurstbrot Marmelade zu schmieren. Igittigitt! Die Dorfstraße war ein - nach Regengüssen - matschiger Feldweg, der angermäßig um einen Dorfteich geführt hat und auf dem schnatternde, aber freie Enten- und Gänsescharen herumgewatschelt sind. Dennoch waren die Tage erholsam und sehr angenehm: man wurde von sehr freundlichen Verwandten versorgt, hatte aber einen großen Freiraum.

Sehr viel Bewegung in jeder Beziehung war beim Leichtathletik Club Oberhaardt angesagt. Unter der Woche Training, am Wochenende entweder Waldläufe oder Wettkämpfe innerhalb der Pfalz und in den Ferien Sonntagsausflüge oder Trainingslager. Die Ausfüge waren meistens herbstliche Radtouren zwischen Saisonende und Wintertraining in unser Naherholungsgebiet, den Pfälzerwald.

Trainingslager dagegen fanden im Frühjahr vor Beginn der Freiluftsaison am Oberrhein statt.Wer mit der Mückenplage zurecht kam, konnte an einem ungepflegten, nach der Rheinbegrading vom Hauptfluss abgeschnittenen Altrheinarm kostenlos zelten, Ball spielen, joggen, schwimmen und grillen. Geraucht hat niemand, auch wenn das folgende Foto den Eindruck erweckt, an Alkohol kann ich mich ebenfalls nicht erinnern - eine sehr gesunde Lebensweise. Abends sangen wir voll Inbrunst:
Warum ist es am Rhein so schön?
Warum ist es am Rhein so schön, am Rhein so schön?        
 

Und hier die Antwort:
Weil die Mädel so lustig
Und die Burschen so durstig!
Darum ist es am Rhein so schön, am Rhein so schön!


Mit Jürgen war auch einmal eine längere Radtour fällig. In vier Tagen über 400 Kilometer: das war sein Plan. Ich tumber Tor ließ mich auf die Tortur bzw. Tor-Tour ein. Von Edenkoben fuhren wir über Wachenheim, Bad Dürkheim, Grünstadt, Kirchheimbolanden und Alzey nach Mainz, der rheinland-pfälzischen Hauptstadt. In der Jugendherberge angekommen, waren wir und die ersten 100 Kilometer geschafft. Am nächsten Morgen traten wir frischen Muts wieder in die Pedale. Über Rüdesheim steuerten wir die Loreley an. Unterwegs hatte er mich darauf vorbereitet, dass wir den 132 m hohen Schieferfelsen hochkraxeln würden. Keuchend oben angekommen, fiel mir ein: hier hat der Rhein als Mittelrhein seine engste und tiefste Stelle - ein Nadelöhr. Ob ich mal springen sollte? Da hörte ich die Loreley zu mir sagen: “Verweile doch, du bist so schön.” Während ich grübelte, woher dieser Spruch stammt [es kommt nur Goethes Faust in Frage], fiel mir das Loreleylied von Heinrich Heine ein, das meine Großmutter so gerne gesungen hat.
Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das geht mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.


Dann radelten wir weiter; bis zur Jugendherberge in Koblenz war es noch ein gutes Stück. Über 200 Kilometer hatten wir schon in den Knochen. Während wir die letzten 100 Kilometer rechtsrheinisch zurückgelegt hatten, ging es nun, nach einer Spitzkehre, linksrheinisch zurück. Gut gelaunt sangen wir Rheinlieder:
Oh du wunderschöner Deutscher Rhein
Du sollst ewig Deutschlands Zirde sein,
Oh du wunderschöner Deutscher Rhein
Du sollst ewig Deutschlands Ehre sein.

--------------------------------------------------------------
Vater Rhein (Volkslied-Refrain)
Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett geseh'n.
Ja der hat's wunderschön, der braucht nie aufzusteh'n.

Und rechts und links vom Bett da steht der beste Wein.
Ach wäre ich doch nur der alte Vater Rhein
...
Über Bacharach mit seiner begehbaren Stadtmauer und Bingen mit seinem Loch, einer Untiefe, landeten wir abends in Bad Kreuznach, wo wir bei Verwandten von Jürgen übernachten konnten. Letzter Tag, letzte Kraftanstrengung durch den Pfälzerwald. Zwischenziel war der Donnersberg, das höchste, durch vukanische Aktivitäten entstandene Bergmassiv der Pfalz mit seinem über acht Kilometer langen keltischen Ringwall und dem über 200 Meter hohen Fernsehturm. Ein beeindruckender Gegensatz. Da auf dem Lauterer Betzenberg gerade kein Spiel stattfand, warfen wir einen Blick auf die Amikaserne von K-Town und durchquerten zügig die Barbarossastadt. Auf direktem Weg erreichten wir Neustadt an der Weinstraße, und nach weiteren zehn Klometern waren wir - unfallfrei - wieder zu Hause.
Der nächste Trip mit den LCO-Sportkameraden fand dann aber in einer Wanne statt. So nannten wir den Ford Taunus, der offiziell nur “Taunus” hieß, weil bis 1967 der Markenname “Ford” in Deutschland nicht verwendet werden durfte. Mit niegelnagelneuem Führerschein in der Tasche bin ich nachts stundenlang, von Hintergrundgeschnarche untermalt, durch Frankreich gekurvt. Mit vier Erwachsenen und einem Dach voller Gepäck kam man sich vor wie in einer Mischung aus Schiffschaukel und Autoscooter. Tagsüber bin ich auf einer Schnellstraße in Südfrankreich so schnell gefahren, dass es plötzlich hinter uns krachte. Im Rückspiegel sah ich sofort das Malheur: Die Dachreling hatte sich gelöst und war mitsamt dem Gepäck sauber auf die Straße gerutscht. Dass ich so gerast bin, hatte sich als Vorteil entpuppt: weit und breit kein Fahrzeug hinter uns. Andererseits kann aber gerade die hohe Geschwindigkeit entscheidend zum Beinaheunfall beigetragen haben. Was soll's? Wenn man jung ist, denkt man nicht allzu lange über derartige Missgeschicke nach, erst recht nicht, wenn sie glimpflich ausgegangen sind.


Unser Ziel war Marseille. Das habe ich aber erst unterwegs erfahren. Ich hatte meine Strandausrüstung dabei, die aber im Koffer bleiben konnte. Es war Sommer, und ich hatte keinen Bock auf eine aufgeheizte Großstadt. Mit dieser Ansicht blieb ich aber allein. Marseille - das hieß für mich Dreck, Kriminalität, Luftverschmutzung, Verkehrschaos, illegale Zuwanderer, Armut. Wir besichtigten den alten Hafen mit dem Fischmarkt und die damalige Prachtstraße Canebière, aßen Meeresfrüchte und tranken Pastis, einen Anisschnaps. Als es dunkel wurde, sah ich - ich kann es nicht beschwören, bin aber ziemlich sicher - zum ersten Mal in meinem Leben echte Nutten. Für meine Kumpels muss das in der Hafenstadt blühende horizontale Gewerbe ein Grund für das gewählte Urlaubsziel gewesen sein. Zum Glück fuhren wir noch ein paar Tage lang an der Mittelmeerküste entlang und genossen abends eine frische Meeresbrise. Jedenfalls bildete man sich das ein. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: tagsüber herrscht See- und nachts Landwind. Ich hätte gerne in westlicher Richtung die Camargue besucht, deswegen fuhren wir nach Osten bis Saint-Tropez. Ein magischer Name zur damaligen Zeit! In dem kleinen Fischerdorf an der Côte d'Azur hatte sich zuerst eine Künstlerszene etabliert. In ihrem Gefolge trafen sich die Reichen und Schönen am größten Sandstand der himmelblauen Küste. Bedauerlicherweise konnten wir aber Brigitte Bardot nicht entdecken. So'n Pech aber auch!
Im Zusammenhang mit dem Neusprachlichen Gymnasium Landau war ich mehrmals auf Achse. Zum einen fuhr ich 1966 mit Rolf, einem Klassenkameraden, per Bahn über Sète nach Agde an der französischen Mittelmeerküste, wo sich eine der größten FKK-Siedlungen Europas befand.


Wir bevorzugten einen Zeltplatz bei den Badehosenträgern, wo wir schnell mit französischen Jugendlichen in Kontakt kamen. Die sprachen schlechter Englisch als wir Französisch - und das will was heißen -, so dass wir gezwungen waren, mit den Einheimischen und Pyrenäenbewohnern Okzidanisch und den Nordfranzosen Französisch zu sprechen. Um sich auf Okzidanisch zu verständigen, musste man spanische Wörter französisch oder französische Wörter spanisch aussprechen. Zum Beispiel: “Tu te porrrte biäng mäntenäng?” [Geht's dir wieder gut?] hat jeder verstanden. Meistens konnten wir uns auf ein paar Floskeln beschränken: 

Französisch

Deutsch

ça va?

wie geht's? oder: alles klar?

ça va bien

mir geht's gut oder: alles klar

un mint à l'eau

bitte ein Pfefferminzwasser

à tout à l'heure

bis bald

quelle heure il est ?

wie spät ist es?

putain

Hure oder: na so was

merde

Scheiße oder: Viel Glück

ta geulle

halt die Klappe

concuban - con cubain

männliche Konkubine - kubanischer Depp

Witze waren nur schwer zu verstehen, und einen dritten Deutschen haben wir nirgendwo entdeckt. Stattdessen habe ich leichtsinnigerweise ein Mädchen aus den Pyrenäen angesprochen und mich für den Abend mit ihr verabredet. Sie kam ... nicht allein; nein, sie brachte ihre gesamte Sippe mit! Nie mehr war ich so gut bewacht wie an diesem Abend. Da hieß es: Haltung bewahren! Samstags hatten die zehn Kilometer entfernten Discotheken in Agde geöffnet, allerdings fuhr kein Bus. Per Anhalter haben wir es in die Stadt geschafft, zurück bin ich gelaufen - nicht gegangen, gerannt! In der Hitze der Nacht konnte ich am besten laufen, da hatte ich das Gefühl, sogar einen Marathonlauf bewältigen zu können. Unter der Woche saßen wir mit den französischen Puppen bis in die Puppen am Stand. Der Rotwein war so grässlich, dass ich mich einmal gründlich ausgekotzt habe. Zum Ausschlafen war morgens allerdings keine Gelegenheit. Schon früh, ab 9 h, hat sich im Zelt eine elende Bruthitze angestaut. Was zu viel ist, ist zu viel! Besonderen Spaß hat uns Beachvolleyball gemacht. Alle 100 Meter stand eine verwahrloste Anlage. Ich war damals fit wie ein Turnschuh, obwohl wir barfuß gespielt haben.

Zum anderen fand Anfang 1967 eine Klassenfahrt statt. Mit dem Bus ging es zum Skifahren nach Fischen in den Allgäuer Alpen. Ich war Anfänger und hatte mir 210 Zentimeter entsetzlich lange Ski gekauft. Während einige von uns sich mit dem Schneepflug und einem gnadenlosen Skilehrer abquälten, demonstrierten Karlu und Rolf [zweiter und dritter von links] Parallelschwünge. Da konnte man vor Neid erblassen. Mit den Endlosski hielten sich meine Fortschritte in Grenzen. Anderen ging es ähnlich. Meistens standen wir nur an den Hängen und pissten Pisten. Nach einer Woche fuhren wir ins schweizerische Davos zu einem Stadtbummel [siehe Foto]. Damit sich eine Hin- und Rückfahrt von insgesamt fast 400 Kilometern an einem Tag lohnten, war morgens um 7 Uhr Abfahr. Nach acht Stunden Fahrt waren wir abend um 9 Uhr wieder in unserer Pension. Gegen Ende des Skikurses durften wir dann mit dem Sessellift ganz nach oben. Eine ganztägige Abfahrt von einem 2000-er stand auf dem Programm. Verdammt steil am Start. Ich war ratlas - mit Schneepflug im Hang verhungern oder im “Schuss” auf die Intensivstation? Zuerst praktizierte ich die eine, dann die andere Technik. Der Parallelschwung kam mit den Schienen unter den Skischuhen nicht in Frage. Bereits im flacheren Abschnitt angekommen, bin ich dann doch gestürzt und habe einen Ski verloren. Was für 'nen Anschiss vom Skilehrer, als ich auf der Piste meinen fahrbaren Untersatz holen wollte! Zu einem normalen Tonfall war dieser bayerische Bazi nicht in der Lage. Auf der Rückfahrt am übernächsten Tag hingen wir alle erschöpft in den Seilen. In der vorausgegangenen Nacht war es noch einmal hoch hergegangen. Die Mädchen waren im Bus deutlich fitter und lebendiger. War bei uns etwa Alkohol im Spiel gewesen?

 1969, nach dem Wehrdienst, besuchte ich in Edenkoben Urban Linus Lissmann, einen Kumpel aus der Schulzeit. Wir schmiedeten den Plan, per Anhalter die beiden größten Britischen Inseln kennenzulernen. Kaum, dass wir uns versahen, waren wir auch schon unterwegs, ich mit Seesack, Urban mit Koffer. Zuerst mit der Bahn nach Calais, dann mit der Fähre 34 Kilometer über den Ärmelkanal nach Dover. Dummerweise gab's auf dem Schiff zollfreien Whisky. Doch wir mussten etwas gegen unsere Seekrankheit unternehmen. In England angekommen, hieß es von Tag zu Tag planen. Unser Generalplan war: ab in den Norden. Wir hatten Glück: unsere jeweiligen “Chauffeure” fuhren uns um
London herum. Innerhalb weniger Tagen gelangten wir über Northampton und Leicester [“läster” ausgesprochen] nach Nottingham, wo wir uns beim Sheriff nach Robin Hood erkundigen wollten. Doch daraus wurde nichts. So landeten wir erstmals in einem Pub, zufällig das älteste in England: Ye Olde Trip to Jerusalem Inn. Anschließend besuchten wir noch das älteste Pub von Nottingham: Ye Olde Salutation Inn. Was sollten wir bei dem Sauwetter auch sonst tun? Aber wir wollten weiter. Auch im Sherwood Forest von Robin Hood keine Spur. Bei Sheffield blieben wir auf einem Motorway im erneut einsetzenden Regen stehen: zum Mäusemelken. Kein Verkehr - sollten wir genau hier den Rest unseres Lebens verbringen müssen? Ich musste mal. Genau in diesem Moment ein Urschrei von Urban: “Da hält einer!” “Ich piss mir in die Hose”, dachte ich. Als wir beide auf dem Rücksitz saßen, hatten wir gleichzeitig das Gefühl, da stimmt was nicht. Der Fond wie ein Sofa, der Innenraum wie ein Wohnzimmer. Was war los? Tja, wir saßen in einer Luxuskarosse, einem Bentley, quasi ein Rolls-Royce für Selbstfahrer, T-Serie, langer Radstand, Trennscheibe, irre! Fahrer und Beifahrer entpuppten sich als Unterhaus-Abgeordnete. Endlich mal Engländer, die man gut verstand. Als die Traumfahrt zu Ende war, hatten wir schon wieder Glück: ein Versicherungsagent nahm uns mit und fuhr uns durch die Gegend.

Als wir in Leeds aussteigen wollten, machte er den Vorschlag, uns nach York zu einer Jugendherberge zu fahren. Nichts lieber als das! Doch daraus wurde nichts. In York angekommen, wo er wohnte, eröffnete er uns, dass seine Frau zwei Wochen lang ihre Mutter besuche, sein Haus leer stünde und wir genau so gut bei ihm wohnen könnten. Wir waren vielleicht naiv, aber so naiv nun auch wieder nicht, zu glauben, er hätte nicht irgendwelche Absichten im Hinterkopf. War er schwul? Urban rechnete: er ist allein, wir zu zweit - wir lassen uns darauf ein. Was sprach eigentlich dagegen, Geld zu sparen?
Engländer können schon ganz schön skurril sein, besonders, wenn sie sich mit einem neuen Anzug ins Bett legen, damit er nicht so neu aussieht. Oder, wenn sie Beulen in ihr neues Auto schlagen, damit es nicht so neu aussieht. Urban konnte es nicht glauben. "Was sehen meine entzündeten Augen", rief er aus. Eimal hat uns unser Gastgeber in seinen Club mitgenommen, wo wir das Gesprächsthema waren, besonders als sie die richtigen Namen für uns gefunden hatten: Urban & Rural - der Städtische und der Ländliche. Ein Brüller! Trotzdem beschwerten sie sich bei uns, dass sie ihre Rheinarmee selber bezahlen mussten. Wir brachten unsere solidarische Empörung zum Ausdruck; da war der Abend gerettet. Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns in Richtung Schottland. Obwohl wir nicht heiraten wollten, passierten wir Gretna Green mit dem bekanntesten Standesamt der Welt. Schon vor Jahrhunderten war es der Zufluchtsort von Jungverliebten, die nicht den kirchlichen Segen für eine Hochzeit erhielten; hier konnten sie heiraten.


Bis Edinburgh, der schottischen Hauptstadt am Firth of Forth, lief es wie am Schnürchen. Weiter ging es Richtung Ben Nevis, dem höchsten Berg der britischen Inseln. Als es nachts kurz vor Elf in einem Pub mal wieder hieß: “Last order!”, bestellten wir, wie alle, noch ein paar Pint [halbe Liter Bier], um uns an das britische “Binge Drinking” aus randvollen Gläsern - Schaum kennen die Angelsachsen nicht - zu gewöhnen. Trotz Sperrstunde mussten die bestellten Bier ja getrunken werden, bevor sie zur warmen Brühe wurden. Eh wir uns versahen, waren wir am Loch Ness in einem hydrotechnischen Kanal und geotektonischen Graben angelangt, der die schottischen Highlands durchschneidet. Im Wasser lag ein gelbes U-Boot - na, klickt's? “We all live in a yellow submarine”: ein Beatles-Song. Interessant, dass die Schotten, deren Aussprache ich deutlich besser verstanden habe als das fürchterliche Genuschele in Yorkshire und Lincolnshire, “Loch” genau wie wir aussprechen, nämlich mit gutturalem “ch”, wozu ein Engländer niemals in der Lage wäre.

In Schottland machte sich der keltische Einfluss nach wie vor bemerkbar. Das war uns verstärkt in Inverness und Aberdeen aufgefallen: mindestens 90% der Bevölkerung waren rothaarig. Auf der Burg von Inverness regierte übrigens im 11. Jahrhundert Macbeth. Am “Mac” [mit 'a'] erkennt man den keltischen bzw. schottischen Ursprung. Die Ölhauptstadt Aberdeen mit ihrem Seehafen war damals eher noch eine idyllische Mittelstadt an der Nordsee. Hier erlebte ich zum ersten Mal an einer belebten Kreuzung eine Grünphase für alle Fußgänger zur gleichen Zeit, so dass man beliebig kreuz und quer über die Straße gehen konnte. Eine saubere Stadt in unzerstörter Natur! Als wir an einem tristen Nebeltag nach Glasgow, der schottischen Industrie- und Arbeiterstadt, kamen, war es damit erst einmal vorbei.
Die beiden Fußballclubs der Stadt Glasgow Rangers und Celtic Glasgow verbindet eine erbitterte Rivalität. Im Gegensatz zu den protestantischen Rangers, die bis vor kurzem prinzipiell nur protestantische Fußballer beschäftigten, waren bei Celtic stets alle Spieler willkommen, wenngleich die katholischen bevorzugt wurden und dominierten. Während sich die Rangers mit der englischen Krone verbunden fühlen, hat Celtic eine keltisch-irisch-schottische Tradition, die z.B. durch das schottische Andreaskreuz über dem Spielfeld zum Ausdruck kommt. Die religiös-nationalen Grenzen in Glasgow verlaufen bis heute entlang sozialer Grenzen. Der englisch geprägten Oberschicht stehen die irisch-katholischen Bewohner einiger der ärmsten Stadtviertel Westeuropas gegenüber. Das Lokalderby [“ The Old Firm”] ist daher ein symbolischer Religions-, National- und Klassenkampf.

Dem wollten wir entgehen, so dass wir uns in Ayr, an der grasgrünen Küste des Firth of Clyde, einen Nachmittag in die Sonne legten. Mit der Schiffsfahrt von Stranraer nach Larne in Nordirland kamen wir jedoch vom Regen in die Traufe. Das merkten wir sofort, als wir in der Stadt ankamen, deren Bürger sich nicht auf einen einheitlichen Namen einigen konnten. Die Katholiken lebten in Derry, die Protestanten in Londonderry. Katholische Briefträger wären nie auf die Idee gekommen, einen Brief auszutragen, auf dem Londonderry stand und umgekehrt. Radiosprecher verwendeten einen Schrägstrich [stroke], wenn sie von Derry/Londonderry sprachen, so dass die Stadt bald Stroke-City hieß. Verwundert beobachteten wir, wie die Bewohner einer Straße mit Backsteinen und Mörtel ihre Fenster zumauerten. Im Hintergrund vernahm ich ein Geräusch, das ich von Bundeswehr-Manövern kannte: Panzer! Für ein paar Sekunden hatte ich den Gedanken im Kopf, der dritte Weltkrieg muss ausgebrochen sein. Nein, es waren die “Riots”, die ausgebrochen waren, der Bürgerkrieg zwischen den protestantischen Engländern (“Unionisten”) und den katholischen Iren (“Republikaner”). Und an diesem Dienstag, dem 14. August 1969, hatte die britische Regierung Panzer nach Derry geschickt. Wegen der zu erwartenden blutigen Auseinandersetzung flüchteten wir über die nahegelegene Grenze in die Republik Irland. Doch Urban hatte es sich am folgenden Tag wieder anders überlegt. Er wollte unbedingt die Panzer fotografieren. Alle Überredungskünste nützten nichts, aber ich wollte ihn auch nicht seinem Schicksal überlassen. Das Problem löste sich dann an der Grenze in Wohlgefallen auf: Einreisesperre - es gab kein zurück mehr. So durchquerten wir die grüne Insel, trennten uns dann aber, als es an einer Stelle zu zweit nicht mehr weiter ging. Mich führte der Weg in einige irische Pubs, in denen ich erstmals Frauen entdeckte, sowie über Galway und Limerick nach Rosslare. Hier nahm ich die Fähre zum walisischen Fishguard. Besonders auffällig in Irland und Wales waren die ellenlangen gälischen Ortsnamen wie zum Beispiel: Gorsafawddacha'idraigodanheddogleddollônpenrhynareurdraethceredigion.

Doch Wales ist klein und bald hatte mich England wieder, genau genommen war es Stratford upon Avon. Hier gab es ein Fachwerkhaus zu bewundern: das Geburtshaus des 1564 geborenen Shakespeare. Von den zu bestaunenden Einrichtungsgegenstände aus der elisabethanischen Zeit gehörte allerdings kein einziges Teil Shakespeare. Auf einem Platz daneben wurde ein Shakespeare-Stück aufgeführt. Es herrschte reger Andrang.
Doch ich war nur ein paar Stunden von London entfernt und wollte meine erste Weltstadt kennenlernen. Fünf Tage, nachdem wir uns getrennt hatten, wurde ich abends an der St. Paul's Cathedral abgesetzt, von wo ich mich unverzüglich zur nahegelegenen Jugendherberge begab. Alles besetzt! Oh, Schreck, oh Schock! Ratlos stand ich dumm herum, als plötzlich, es geschehen noch Zeichen und Wunder, Urban auftauchte. Wir konnten es nicht fassen: solche Zufälle - die gibt
's doch gar nicht. Und er hatte genau das gleiche Übernachtungsproblem wie ich. “Kommt mal mit ”, sagte der Typ am Empfang zu uns. In einer Kammer kramte er doch noch zwei Pritschen und Matratzen hervor. Gott sei Dank!

Mehrere Tage blieben wir in London. Vorzugsweise zu Fuß und mit der U-Bahn (Underground) unterwegs, besichtigten wir die Citys von London und Westminster. Wir entdeckten unter anderem die Residenz des britischen Monarchen, den Buckingham Palace, die Downing Street, wo Premierminister und Schatzkanzler ihren Amts- und Wohnsitz haben, den Hyde Park mit Speakers' Corner, wo jeder ohne Anmeldung einen Vortrag zu einem beliebigen Thema [außer der königlichen Familie] halten kann, den Palace of Westminster, wo das britische Parlament aus House of Commons und House of Lords tagt, den als “Nabel der Welt” geadelten Verkehrsknoten- und Treffpunkt Piccadilly Circus, den als Festung, Waffenkammer, königlicher Palast, Gefängnis, Staatsarchiv und Observatorium in Anspruch genommene Tower mit Tower Bridge und den Trafalgar Square, der mit seinen zahlreichen Denkmalen und Bronzereliefs den idealen Versammlungspunkt für die Londoner Tauben darstellt. Auf Wembley und Wimbleton verzichteten wir, nicht aber auf Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett und Soho. Letzteres ist das Multikulti-Stadtteil Londons mit Chinatown, Straßenmärkten, Erotikshops, Schwulenbars sowie dem Lesben- und Schwulenviertel. Dann auf schnellstem Weg nach Dover zurück, mit der Whiskyfähre nach Calais und - nach fast sechs Wochen (siehe Reisepass-Vermerke) und 5000 Kilometern - ab in die Heimat.

Frankreich war das Land, in dem ich mich außerhalb Deutschlands am häufigsten aufhielt. Zahlreiche Fahrten mit und ohne “Begleitpersonen” führten von der Pfalz, Saarbrücken, Freiburg und Berlin aus ins Elsass, nach Lothringen und nach Paris. Von Freiburg aus war es ein Katzensprung zum Essen in ein elsässisches Winzerdorf zu fahren.

Paris bleibt mir als Stadt in Erinnerung, wo ich meinen 850-er Fiat abgestellt und nicht mehr gefunden habe. Ich hatte abends einen Bummel durch das Vergnügungsviertel Pigalle gemacht.
Pigalle (Bill Ramsey)
Refrain: Pigalle, Pigalle, das ist die große Mausefalle mitten in Paris.
Pigalle, Pigalle, der Speck in dieser Mausefalle schmeckt so zuckersüß.
Da sieht man Türken, Perser, Inder und Chinesen,
Wer auf der Welt was auf sich hält ist dagewesen.
Pigalle, Pigalle, das ist die große Mausefalle mitten in Paris.
Oh la la, ich bin da in der herrlichen Stadt an der Seine.
Oh ich finde Paris ja so schön,
Und heut' nacht hab ich was tolles geseh'n.
[Refrain]
Da sieht man Dänen, Deutsche, Schweizer und auch Schweden,
Die dann ein Leben lang von dieser Reise reden.
[Refrain]
Oh la la, ich war da.
Gerne denk ich zurück an die Zeit,
Bin zu jeder Beratung bereit.
Wer was wissen will, dem sag ich Bescheid.
[Refrain]
Da sieht man Menschen aller Nationalitäten,
Es rollen Dollars, D-Mark, Franken und Peseten.
Pigalle, Pigalle,
Das ist die große Mausefalle mitten in Paris.


Nach stundenlangem Suchen bin ich auf einer Parkbank eingeschlafen. Als ich am frühen Morgen von der Müllabfuhr geweckt wurde - und ich schwöre: es ist die Wahrheit -, fiel mein dritter Blick auf mein Auto. Ich kann es heute noch nicht begreifen - ein Wunder! Allerdings ist das Autofahren in der französischen Hauptstadt ohnehin eine gewöhnungsbedürftige Angelegenheit, insbesondere, wenn man die Spur wechseln möchte, was alle anderen Verkehrsteilnehmer zu verhindern versuchen.
Zum Kennenlernen der Stadt gehört in jedem Fall ein Spaziergang vom Arc de Triomphe, entlang der Prachtstraße Champs Élysées, vorbei am schönen Place de la Concorde zum Louvre. Hier findet man eine der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt, zu deren bekanntesten Ausstellungsstücken Leonardo da Vincis Mona Lisa gehört. Den über 300 m hohen Eifelturm, das Wahrzeichen von Paris, kann man hinaufklettern oder hinauffahren und hinunterspringen. Bisher sind ungefähr so viele Besucher die Stufen hinaufgegangen, wie Lebensmüde hinuntergesprungen sind. Vom Arc de Triomphe hat man eine gute Aussicht über die Champs Élysées, die 70 m breite Prachtstraße. Ein beliebtes Ziel ist das ehemalige Künstlerviertel Montmartre. Hier befindet sich die wunderschöne Kirche Sacré-Coeur. Montparnasse ist ein Vergnügungsviertel mit vielen Bistros und Cafés. Auf der Île de la Cité , dem ältesten Teil der Stadt, befindet sich die Kathedrale Notre-Dame. In dieser aus dem 14. Jahrhundert stammenden Kirche krönte sich Napoleon selbst zum Kaiser. Eine weitere äußerst beeindruckende Sehenswürdigkeit ist Versailles. Das prunkvoll gestaltete Schloss mit seiner riesigen Parkanlage liegt außerhalb von Paris.
Ich habe mich bevorzugt im Quartier Latin, dem Studentenviertel mit der Sorbonne und den vielen Studentenkneipen, aufgehalten.

Nach der beschriebenen Skifahrt war ich noch viermal in den Alpen. Während des Studiums wollte ich in Küstennähe durch Nordafrika trampen. Evelyn, meine damalige Freundin, wollte unbedingt mit. Es war nicht zu verhindern. Wir hatten bereits die Alpen überquert, auf dem Weg nach Rom, als in mir starke Zweifel aufkamen, ob sie die Strapaze durchstehen würde. Als ich ihr vorschlug, in die Alpen zurückzukehren, bin ich auf keinen Widerstand gestoßen. Ebenfalls als Student führte uns eine Tagesexkursion zum Rheinfall nach Schaffhausen.
Der Rheinfall bietet dem Besucher ein grandioses Schauspiel. Über eine Breite von 150 m und eine Höhe von 23 m stürzen bei mittlerer Wasserführung 700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde über die Felsen. Damit ist er der grösste Wasserfall Europas. Vom Rheinfallbecken aus kann man die ganze Wucht der Wassermassen des Rheins auf sich wirken lassen. Lohnenswert ist auch eine Fahrt zum mittleren Felsen, der bestiegen werden kann, oder auf die Zürcher Seite des Falles und weiter rheinabwärts. Vom Schloss Laufen aus führt ein Fussweg vorbei an den tosenden Wassermassen zur direkt im Rheinfall stehenden Plattform «Känzeli» [siehe Foto].
Dazu passend der Vater-Rhein-Schunkel-Refrain:
Ich hab den Vater Rhein in seinem Bett geseh'n.
Ja der hat's wunderschön, der braucht nie aufzusteh'n. 
Und rechts und links vom Bett da steht der beste Wein.

Ach wäre ich doch nur der alte Vater Rhein.
Mit Isabell, einer 17-jährigen Schülerin, war ich in den Ferien einmal in den Alpen, ein zweites Mal in Duisburg. Sie war von ihren Eltern bzw. ihrem Tennisclub zu einem Tenniskurs bzw. -lehrgang des Tennisverbandes geschickt worden. Sie wohnte in der Sportschule, ich im Hotel bzw. in einem möblierten Zimmer. Sie spielte Tennis, ich langwelte mich. Ich gebe zu, dass ich damals in meinen Interessen doch ziemlich einseitig ausgerichtet war. Dennoch hätte ich niemals erwartet, dass Österreich im Sommer derart öde und nervtötend sein kann. Seit damals habe ich mich von Österreich ferngehalten.

1972 habe ich den Entschluss gefasst, mit Susi und dem Auto die Balkanhalbinsel zu erforschen. Wir fuhren von Freiburg aus über die Alpen. Das erste kommunistische Land, das uns Einlass gewährte, war Titos Reich Jugoslawien, das nicht zum Ostblock gehörte. Der Titoismus war eine Art Selbstverwaltungssozialismus. Wir wählten die Route entlang der dalmatinischen Adriaküste. Über Split und Mostar ging es ins Gebirge. Hinter Sarajewo wurden wir bei der Fahrt durch ein Bergdorf mit Obst beworfen. Doch wir überlebten. Auch im Kosovo war alles friedlich, Tito sei dank! Über Skopje gelangten wir nach Nordgriechenland. Hier, in der Nähe von Saloniki, am Thermaischen Golf, schlugen wir zum ersten Mal unser Zelt auf. Es gefiel uns und wir blieben wahrscheinlich eine Woche. An der Ägäis entlang fuhren wir dann Richtung Türkei, bis wir die Grenze erreichten. Anstandslos ließ man uns passieren. Selbstverständlich konnten wir uns Istanbul nicht entgehen lassen. Zum ersten Mal ein Hauch von Orient. Die türkische Metropole ist die einzige, die sich auf zwei Kontinenten, dem europäischen und dem asiatischen. erstreckt. Imposant sind vor allem die Hagia Sophia, die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, die großen Basare sowie die zahlreichen Moscheen und Minarette. Ein Erlebnis ist ein Saunabesuch: auf hartem Marmor liegend, trampelte ein Türke auf meinem Rücken herum, um mich zu massieren. Vom Marmara- wollten wir jetzt zum Schwarzen Meer. Wir fuhren an der Küste entlang und über die Grenze nach Bulgarien. Nach Burgas kamen mehrere Strände, wie Sonnen- und Goldstrand. Uns gefiel der Name “Freundschaft”, wo wir unser zweites Zeltlager aufschlugen. Es gab preiswertes Essen, Dünen, Meerwasser und DDR-Urlauber. die sich jedoch abkapselten und nicht ansprechbar waren. Wir sagten nur laut und deutlich “Freundschaft” oder "Druschba", wenn wir in ihre Nähe kamen. Die heißen Landwinde machten uns bald zu schaffen. Wir packten unsere sieben Sachen und fuhren weiter. Die Grenze zu Rumänien war kein Hindernis und schon bald war Konstanza in Sicht. Hier erlebten wir auf unserer Balkanreise unseren ersten Tiefpunkt. Zuerst haben uns Jugendliche an einer Ampel einen Reifen platt gestochen, um uns anschließend scheinheilig zu einer Werkstatt zu bringen. Dann wollte eine andere Straßenbande mein Kofferradio haben und war sofort bereit, den von mir geforderten Preis zu bezahlen. Diese Großzügigkeit kam mir verdächtig vor, so dass ich wissen wollte, was sie wirklich vorhaben. Einer von ihnen zählte die Scheine seinem Kumpel in die Hand, der sie mir dann übergab. Als ich nachzählen wollte, warnte uns ein dritter Nachwuchsgangster, die Polizei sei im Anmarsch. Schleunigst stoben wir alle auseinander und verdünnisierten uns. Erst Tage später habe ich wieder an das Geld gedacht und festgestellt, dass uns unsere Käufer um die Hälfte des Kaufbetrags betrogen hatten. Ärgerlich, aber nicht so schlimm: das Kofferradio war eine alte Kiste. Vielleicht sollte man sich auch nicht so viel im Küsten- und Touristengebieten herumtreiben. So fuhren wir zur Hauptstadt Bukarest, wo wir aber nichts Sehenswertes entdeckten. Mich zog es jetzt sowieso nach Siebenbürgen. Nach Überquerung der Karpaten bei Kronstadt erreichten wir Transsilvanien.

Im 12. und 13. Jahrhundert wurden in Transsilvanien deutsche Bauern und Handwerker angesiedelt. Sie genossen königliche Sonderrechte, die ihnen in den folgenden Jahrhunderten immer wieder urkundlich bestätigt wurden. So hatten sie eine eigene Gerichtsbarkeit und eine politische Vertretung. Die Kolonisten gründeten neben Hermannstadt, Kronstadt und Klausenburg 264 weitere Ortschaften. Eine zweite große Welle deutschsprachiger Einwanderung setzte zu Zeiten der Gegenreformation ein, da in Siebenbürgen Glaubensfreiheit galt. Die Rumänen waren damals vom politischen und sozialen Leben ausgeschlossen. Sie hatten kein Mitspracherecht, waren lediglich geduldet und wurden gezielt ausgegrenzt. In den deutschen Städten durften sie sich weder niederlassen noch Häuser erwerben. So heißt es in einer alten Zunftordnung aus Schäßburg: „eyn gesell soll seyn ehrbar, fromm vnd von teutscher art “. Wer nicht „teutsch“ war, dem blieb im mittelalterlichen Sybenbuergen jeglicher Zugang zum Handel und Wandel der aufstrebenden Sachsenstädte, die damals die einzigen urbanen Zentren bildeten, verwehrt. Im 16. Jahrhundert drangsalierten die Osmanen das friedliche Volk ohn' Unterlass. Türkeneinfälle, Plünderungen, Seuchen, Hungernöte und horrende Steuern dezimierten die Bevölkerung. Mit der Gründung der österreichisch-ungarische Doppelmonarchie 1867 wurde die Selbstverwaltung der Siebenbürger Sachsen abgeschafft. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Siebenbürgen Rumänien zugeschlagen. Um 1930 hatte es 2,7 Millionen Einwohner; davon waren 9,4 % Deutsche. Bei der Volkszählung 2002, hatte es eine Einwohnerzahl von 7,2 Millionen; davon 0,7 % = 60000 Deutsche, die derart überaltert sind, dass sie immer weiter ihrem Ende entgegen schrumpfen.
Tatsächlich haben wir auf dem Land zwar ein paar Kinder, aber praktisch keine Jugendlichen gesehen. Die Gehöfte befanden sich teilweise in einem mitleiderregenden Zustand. Deutsch bzw. das, was man hier darunter verstand, haben wir kaum noch gehört und wenn doch, kaum verstanden. Das hat uns nicht gefallen; so versuchten wir in Ungarn unser Glück. Wir fanden je Menge Obst von unzähligen Bäumen an endlos langen Landstraßen, fast genau so viele Zigeunergruppen, die ich nicht nachträglich in Sinti und Roma umbenennen möchte, frei zugängliche, aber wenig frequentierte Supermärkte mit gefüllten Regalen, nachts auf den Landstraßen unbeleuchtete Fuhrwerke sowie eine sehr lebendige Hauptstadt, die mich mit ihren vielen Geschäften, Brücken, Plätzen und Markthallen stellenweise an Paris erinnerte und vor 1873 Pest-Buda genannt wurde. In Wirklichkeit ist Budapest an der schönen blauen Donau die Stadt der Kaffehäuser sowie der Frei- und Heilbäder. Einige Bäder haben eine Subkultur. Im Széchenyi-Bad zum Beispiel spielten ältere Männer im warmen Wasser stundenlang Schach auf schwimmenden Schachbrettern.
Ende August verabschiedeten wir uns vom Ostblock und passerten die ungarische Grenze nach Österreich.


Wir hatten noch etwas Benzin und genau 75 Kilometer bis Wien. Da fiel uns doch gleich der eine oder andere Walzer-Refrain ein:
Wien, Wien, nur du allein
Sollst stets die Stadt meiner Träume sein.
Dort, wo die alten Häuser stehn,
Dort, wo die lieblichen Mädchen gehn!
Wien, Wien, nur du allein
Sollst stets die Stadt meiner Träume sein!
Dort, wo ich glücklich und selig bin,
Ist Wien, ist Wien, mein Wien

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Das muß ein Stück vom Himmel sein
Wien und der Wein, Wien und der Wein,
Das ward auf Erden nicht erdacht,
Denn das ist so himmlisch gemacht.
Sitzt man verträumt in Wien beim Wein,
Und nicht allein, dann sieht man's ein:
Das muß ein Stück vom Himmel sein
Wien und der Wein, Wien und der Wein

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Im Salzkammergut
Da kammer gut lustig sein
Wenn die Musi spielt, holdrio.
Im Salzkammergut
Da kammer gut lustig sein,
So wie nirgendwo, holdrio.
Es blüht der Holunder
Den ganzen Sommer mitunter,
Jedoch die Liebe, die blüht 's ganze Jahr.
Im Salzkammergut
Da kammer gut lustig sein,
das war schon immer so, holdrio.

Als erstes mussten wir unbedingt zum Prater. Der Wurstelprater nimmt allerdings nur eine kleine Fäche des gesamten Parkareals ein. Auf eine RiesenRadRunde verzichteten wir; uns zog es vielmehr zum Heurigen. Derartige Wirtshäuser sind leicht zu finden, und ich fühlte mich nach zwei, drei Gläsern fast wie zu Hause. An den folgenden Tagen standen zum einen die Nationalgerichte, wie Wiener Schnitzel, Tafelspitz, Kaiserschmarrn und Palatschinken auf dem Plan, zum andern konnten wir im Museumsquartier und sonstwo so manche Bildungslücke stopfen. Ich wäre hier noch jahrelang geblieben, wenn wir nicht zufällig über einen Fernseher gestolpert wären, in dem die Olympischen Spiele übertragen wurden.


Die hatte ich völlig vergessen. Susi wusste noch nicht einmal, wo sie stattfanden. Ich gab ihr ein Rätsel auf: “444 Kilometer westlich von uns.” “

 
   
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