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Familienleben

VII  Kaputtes Familienleben

Geboren bin ich am &. August um 21.40 h im Städtischen Krankenhaus Ludwigsstift mit einem Kopfumfang von 36 cm, einer Körperlänge von 51 cm und einem Gewicht von 3550 g. Schuld daran waren der Bauernsohn, Wehrmachtsleutnant und Kriegsversehrte Karl Volkamer sowie die Bauerntochter und unter dem Namen Scholl geborene Irma Volkamer. Sie hatte ihm die Ehe versprochen, wenn er lebend vom Krieg heimkehrt. Sie hat ihr Wort gehalten, obwohl es ihn in den allerletzten Kriegstagen in den Alpen als Panzerfahrer doch noch erwischt hat. Die Amerikaner mussten ihm den rechten Unterarm absägen, und den linken Daumen konnte er nicht mehr bewegen. Er wollte sterben, doch seine Lazarettschwester hat es verhindert. Keine guten Voraussetzungen für ein Berufsleben in der Landwirtschaft. Doch er wollte es schaffen – um jeden Preis. In den ersten Jahren hat das Familienleben mit drei Generationen auch funktioniert.
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Die Fotocollage zeigt glückliche Eltern, obwohl das erste Kind, eine Tochter, nach wenigen Wochen an einer Lungenentzündung gestorben war. Meine Mutter war vor dem Krieg beim Bund Deutscher Mädel (“Bald deutsche Mutter”) , durfte verreisen bis an den Golf von Biscaya und Volkslieder singen wie “Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein und das heißt Erika”. Den Krieg hatte sie zu Hause – trotz der Luftangriffe - unversehrt überstanden. Als ich die Geburt unversehrt überstanden hatte, ging es nach Hause in die Spitalstraße 30. Hier habe ich ziemlich genau 19 Jahre gelebt, auch wenn das Haus später die Nummer 47 erhielt. Zu Hause warteten zwei weitere Menschen auf mich, Opa Jakob und Oma Lisseth, die Eltern meiner Mutter. Karl war also ein zugereister Franke, der aber – jedenfalls in meiner Erinnerung – genauso “Pälzisch gebabbelt” hat, wie alle anderen. Lisseth und Karl führten den verlorenen Krieg mit anderen Mitteln fort. Sie wollte für ihre Tochter einen gesunden Mann und er wollte sich von seiner Schwiegermutter keine Vorschriften machen lassen. Sie, die Oma, war das Energiebündel schlechthin. Sie stand als erste auf und ging als letzte ins Bett. Jedenfalls so lange, bis ihr Schwiegersohn anfing, die halbe Nacht regelmäßig in der Kneipe zu verbringen. “Voll-kam-er, leer ging er” wurde zum geflügelten Wort. Er brachte dann nachts um eins noch Saufkumpane mit, mit denen er im Weinkeller weitersoff. Bevor er ins Bett wollte gab es dann mitten in der Nacht noch ordentlich Krawall mit der Hausherrin Lisseth. In der Kulminationsphase standen beide kurz vor Mord und Totschlag, derweil sich Irma im Schlafzimmer einschloss und ich vor Angst am ganzen Leib zitterte. Jahrelang war an Schlaf kaum noch zu denken. Oft habe ich in Gedanken die Alternativen durchgespielt: a) ich verlasse mein Elternhaus für immer, b) ich zeige meinen Vater an, c) ich bringe ihn um. Häufig habe ich von einem anderen Zuhause geträumt, von einem kleines Zimmer für mich allein, weit weg von diesen Irrenhaus, wo ich ungestört meine Hausaufgaben machen kann. Verhindert haben meine Flucht vor allem der feste Wille zu studieren und die Angst kein Geld für das Studium zu haben. Einmal habe ich tatsächlich Anzeige gegen ihn erstattet. Da kam ein freundlicher Polizist, hat seinen Kumpel Karl gebeten, besser auf mich aufzupassen und ist wieder gegangen. Den eigenen Vater im Suff erschlagen – tausendmal habe ich diese Tat im Kopf begangen. Noch seinem Tod hatte ich jahrelang ein und denselben Albtraum: ich erschlage ihn mit einer Axt und sein Kopf rollt mir vor die Füße. Aber seinen wirklichen Tod hat er selber herbeigeführt. Im Oktober 1977 bekam ich einen Anruf von meiner Mutter: mein Vater läge im Städtischen Krankenhaus in Landau und befände sich im Koma. Er hatte chronische Pankreatitis und bekam einen Magendurchbruch.
Im Alter von 56 hatte er sich totgesoffen., weil er die Realität, so wie er sie erlebt hat, nicht mehr ertragen konnte. Eine Stunde lang saß ich im Leichenschauhaus neben ihm. Mitleid begann meinen abgrundtiefen Hass zu verdrängen. Ich verzieh ihm seine Schandtaten, doch er zeigte keine Reaktion. Bei der Beerdigung gab mir der Pfarrer widerwillig die Hand: ich war mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten und er hatte mir in Religion immer eine “1” gegeben. Anschließend wurde zu Hause ordentlich gefeiert, die Stimmung schlug in Fröhlichkeit um, leider nicht bei mir. Seine (und meine) zahlreichen Verwandten aus Franken waren angereist, wie es bei Volkamers üblich war. Damit hatte er nur einen in der Familie überlebt.
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Ich muss etwa 6 Jahre alt gewesen sein, als sein Schwiegervater, mein Opa, der Vater meiner Mutter, Lisseths Mann starb. Die letzten Jahre seines Lebens war er bettlägerig, hatte wunde Stellen am Leib, musste von seiner Frau rundumversorgt werden. Jahrelang wurde er morgens in der Küche in seinen Sessel gesetzt und abends ins Bett transportiert. Ich kann mich erinnern, dass er unentwegt gezittert hat, die Folgeschäden von zwei Weltkriegen. Sein Tod war eine Erlösung und mein Vater konnte endlich den Hausherrnsessel für sich beanspruchen. Das änderte aber nichts daran, dass Lisseth weiterhin das Zepter schwang. Sie weckte mich jeden Morgen, bereitete mir das Frühstück, molk bzw. melkte die Kuh, versorgte Hühner und Katze (um Kuh und Schwein kümmerte sich mein Vater), kochte zu Mittag, erledigte den Abwasch, wusch mit der Hand die gesamte Wäsche, hing sie im Garten auf, bügelte sie, schleppte Briketts zum Küchenofen, erledigte die Gartenarbeit und ging sonntags in die Kirche und anschließend auf den Friedhof, wo sie zwei Gräber pflegte. Sie hatte in den Weltkriegen ihren Vater Fritz, ihren Bruder Fritz und ihren Sohn Fritz verloren.
Diese drei Kriegstoten haben verhindert, dass man mir den Vornamen Fritz gegeben hat. Wann immer es erforderlich war, insbesondere während der Erntezeit, kam sie mit auf den Acker bzw. in die Weinberge. Wenn ich länger als einen Tag nicht zu Hause war, begrüßte sie mich hocherfreut und drückte mir ein feuchten Kuss auf die Backe. Das war zwar sehr unangenehm, aber unvermeidbar. Schließlich war sie die einzige, die sich um mich gekümmert hat. Und wenn ich mal Taschengeld brauchte, hat sie ihre Milchkasse geplündert. Heimlich habe ich morgens, wenn sie sich in der Küche kämmte – Badezimmer oder Klo mit Spülung gab es lange Zeit nicht –, ihre langen, hellblonden Haare bewundert, sie waren schöner als die von Lore Lay. Als sie auf die 90 zuging, begann sie unter Gedächtnisschwund zu leiden; heute würde man wahrscheinlich Alzheimer ins Spiel bringen. In den letzten Wochen ihres Lebens stand sie immer noch auf den Beinen, bekam allerdings Morphium gegen mir nicht näher bekannte Schmerzen. Ihr Tod war der einzige in der Verwandtschaft, der mich schwer getroffen hat. Sie hinterließ eine einsame, hilflose Person, meine Mutter, deren fröhlicher Jugend ein verpfuschtes Leben folgte: der Bruder im Krieg gefallen, der Vater pflegebedürftig, den falschen Mann geheiratet und Krankheiten ohne Ende. Nach dem Aufstehen gegen halb Elf ging sie “in die Stadt” zum Einkaufen, nach dem Mittagessen zum Arzt und am späten Nachmittag zu Nachbarn zum ausgiebigen Kaffeeklatsch. Damit war der Tag für sie gelaufen. Es sei denn, sie musste mal mit zur Feldarbeit, was allerdings meistens nicht möglich war: wenn nicht gerade die Gallensteine ihren Einsatz verhinderten, so hatte sie noch ein umfangreiches Repertoire an weiteren körperlichen Beschwerden parat.
Ich lebte also jahrelang in einem menschlichen Dreieck zwschen einer Workaholic-Oma, einem Alkoholiker-Vater und einer depressiven Psychotin, die in regelmäßigen Abständen Selbstmordversuche ankündigte (“ich bring mich um”). Alle Versuche scheiterten so kläglich, dass niemand sie mehr ernst genommen hat. Von ihrer Tochter Ursula, meiner Schwester, die sechs Jahre jünger ist als ich, wurde sie – ja man muss es so sagen – nach allen Regeln der Kunst verarscht. Manchmal war ich sprachlos mitzuerleben, in welch arrogantem, respektlosem und unnachgiebigem Ton sie unseren Vater am Mittagstisch anfauchte. Doch er liebte sie beide, Irma und Ursel. Keine der beiden konnte ihm die gute Laune verderben oder ihn aus der Fassung bringen.
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Mit einer einzigen Ausnahme. Als er einmal am Heiligabend meiner Schwester teuren Silberschmuck schenkte, um damit ihre Zuneigung zu erkaufen, schleuderte sie das Geschenk in die Ecke, schrie ihn an: “Du weißt doch genau, dass ich keine Silberringe trage” und knallte die Tür hinter sich zu. Viele Jahre später konnte ich mir ihr hnterhältiges Treiben nur noch von Dritten berichten lassen. Ich war längst nach Berlin gezogen , als ich erfuhr, dass sie unsere Mutter in eine Nervenheilanstalt, vermutlich in das ca. 10 km südwestlich von Landau gelegene Pfalzklinikum in Klingenmünster,
gesteckt und meine Erbe, das Bauernhaus (siehe Foto oben), in dem ich aufgewachsen bin, für 235000 Euro verscherbelt hat. Von dem Geld habe ich nie auch nur einen Cent und von meiner Mutter nie mehr eine Spur gesehen. Einsam, ohne sich auch nur einmal telefonisch oder brieflich bei mir zu melden, ist sie in einem Altersheim, wahrscheinlich in der Pro Seniore Residenz in Bad Bergzabern, gestorben. Ihren Tod habe ich von meiner Schwester postalisch so spät erfahren, dass ich noch nicht einmal zur Beerdigung erscheinen konnte. Meine Schwester hatte geheiratet, war mit Monkey an den Bodensee gezogen, hat – soweit ich weiß – zwei Kinder und sich scheiden lassen. Auch Monkey hat anno 2007 das Zeitliche gesegnet. Man sagt, jahrzehntelanger Drogenkonsum habe seine Gesundheit ruiniert.
Mit den angesprochenen Ereignissen der letzten Jahrzehnte ist nicht nur ein weiterer Winzerbetrieb von der Bildfläche verschwunden, nein, auch der pfälzische Zweig der Volkamer wird sich, wenn kein Wunder geschieht, nach meinem Tod in Wohlgefallen auflösen. Diese kaputten Typen meiner ehemaligen Familie saßen auf dem absteigenden Ast. Krieg, Alkohol, süße und fettreiche Ernährung, die gesellschaftlichen Zwänge des Landlebens, harte Hand- bzw. Feldarbeit und Erbkrankheiten haben sie kaputt gemacht. Irgendeine Zukunftsperspektive hatten sie nicht. Der Umgang miteinander war herz- und lieblos. Als ich einmal sah, wie ein Klassenkamerd und seine Mutter sich gegenseitg einen Kuss auf den Mund gaben, war ich schockiert: ich war bis dahin überzeugt, dass so etwas verboten ist. Das mir gegenüber an den Tag gelegte Laissez-Faire war nicht die Konsequenz ihres antipädagogischen Erziehungsbegriffs, sondern die Ausgeburt von Gleichgültigkeit und Gefühlsarmut. An ihren Folgen hatte ich schwer zu tragen, insbesondere durch ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Frauen (kommt noch!).

 
   
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